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Einführung

Warum "Politikberatung" in der Frühen Neuzeit?

Wie auch heute beruhte das "Politik machen" in der Frühen Neuzeit auf einem Geflecht von Informations-, Organisations- und Aushandlungsprozessen. Diese fanden nicht nur zwischen Untertanen und Obrigkeit statt, sondern auf allen Ebenen informeller wie institutionalisierter Herrschaftsorganisation. Die Komplexität und Vielschichtigkeit der zu regelnden Zusammenhänge erforderten einen Kreis von Experten, welche die Obrigkeiten, seien es Fürsten oder städtische Magistrate, berieten und Entscheidungen vorbereiteten. Mit zunehmender Verdichtung von Herrschaft und Herrschaftsverwaltung wurde die durch die Experten geleistete Politikberatung ein wichtiger Faktor frühneuzeitlicher Politik. Sie unterlag bestimmten Normen, fand an verschiedenen Orten statt, band eine Vielzahl von Akteuren auf unterschiedlichen Ebenen ein und kam in verschiedenen Medien zum Ausdruck.

Aufgrund der engen Verknüpfung von Politik und Religion in der Frühen Neuzeit spielten neben den gelehrten Juristen auch die Hofprediger eine wichtige Rolle. Neben ihrer Funktion als hohe Verwaltungsbeamte, die das Schul- und Kirchenwesen eines Territoriums organisierten, waren sie auch für die individuelle Seelsorge des Fürsten und der Hofangehörigen zuständig. Sie agierten also in einem Spannungsfeld zwischen höfischer Seelsorge, gelehrten theologischen Diskursen, institutionalisierter Herrschaftsgestaltung, Politikberatung und persönlichem Glauben. Gerade diese ambivalente Position zwischen institutionalisierter Amtsperson und persönlicher Vertrauensperson unterscheidet die Funktion der Hofprediger als politische Berater von jener der Juristen und lässt sie in besonderer Weise für die Erforschung politischer Kultur der Frühen Neuzeit interessant werden.


Weiterführende Literatur

Bisher wurde die Frage nach den Rahmenbedingungen und Handlungsspielräumen zu einem großen Teil anhand von Motivationen, Strategien und Ergebnissen des politischen Handelns von Herrschenden und Eliten erforscht. Erst in jüngerer Zeit rücken Fragen nach den individuellen und strukturellen Rahmenbedingungen, nach kulturellen und sozialen Kontexten, nach Praktiken, sozialen Netzwerken und persönlichen Beziehungsgeflechten der einzelnen Akteure in den Vordergrund. Aber auch hier stehen Funktion, Gestaltungsspielräume und Handlungsoptionen im Tagesgeschäft der politischen Berater der "zweiten Reihe" nicht im Zentrum des Interesses.

Indem die Hofprediger in ihren mikropolitischen Konstellationen in den Mittelpunkt dieses e-learning-Moduls gerückt werden, lassen sich die etablierten Forschungsgebiete der politischen Ereignisgeschichte, der Verwaltungsgeschichte, der höfischen Kultur, der politischen wie der gelehrten Kommunikation, der soziale Netzwerke, der Frömmigkeitsgeschichte miteinander verknüpfen. Zudem lässt sich ein ganz akteurs- und praxisbezogener Blick auf die Verbindung von Religion und Herrschaft in der frühneuzeitlichen politischen Kultur werfen.