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3. Konflikt um Konversion


In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und besonders zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam es im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zu einer regelrechten Welle von Konversionen protestantischer Fürsten zum katholischen Glauben. Im Unterschied zu der Zeit vor dem Westfälischen Frieden, in der die Konfession des Landesherrn auch die seiner Untertanen gemäß des Grundsatzes "cuius regio - eius religio" festlegte, war durch die Bestimmungen von 1648 der konfessionelle Besitzstand auf den Status des Normaljahres 1624 festgeschrieben. Auf den ersten Blick hatte eine Konversion des Fürsten also scheinbar nur noch Folgen für ihn selbst.

War demnach die Masse der Bevölkerung von einem fürstlichen Konfessionswechsel nicht betroffen, kam es gleichwohl zu mehr oder weniger tiefgreifenden Verwerfungen in der engeren Entourage des Fürsten. Besonders betroffen davon waren qua Amt die Hofgeistlichen: Wechselte der Fürst seinen Glauben, mussten sie sich oftmals entscheiden zwischen Loyalität ihrem Herrscher gegenüber und den Vorschriften ihrer eigenen Konfession. In eben dieser Situation fand sich auch der braunschweig-wolfenbüttelsche lutherische Hofprediger Eberhard Finen.

Im Geheimen 1709, öffentlich am 11. April 1710 in der Schlosskirche zu Bamberg vor dem Kurfürsten von Mainz, gab Anton Ulrich seinen lutherischen Glauben auf und nahm die katholische Religion an. Diese Pläne und schließlich auch ihre Umsetzung führten zu einer derart veränderten konfessionellen Situation am Hof in Braunschweig-Wolfenbüttel, dass insbesondere Eberhard Finen in seiner Position als Hofprediger vor die Frage gestellt war, wie er gegenüber dem Fürsten auf die neuen Gegebenheiten reagieren sollte, war doch durch den Glaubenswechsel des Herzogs Finens Amtsverständnis in Frage gestellt: Sollte er sich Anton Ulrich gegenüber loyal verhalten oder seinen Überzeugungen treu blieben, die ihn zum Widerspruch gegen die Religionswechsel verpflichteten?

Finens Entscheidung fiel eindeutig aus: Insbesondere in seinen Predigten und persönlichen Schreiben an den Herzog äußerte er klare Kritik an der geplanten Konversion. Finen sah in dem fürstlichen Übertritt zum Katholizismus einen klaren Abfall vom "wahren" Glauben, den er als Wächter der rechten Lehre abzuwenden hatte. Dabei war das Gewissen das entscheidende Motiv für sein Handeln, war der Hofprediger doch bei Amtsantritt vor seinem Landesherrn auf das Corpus doctrinae Julianum, die grundlegende Sammlung lutherischer Bekenntnisschriften für das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, verpflichtet worden, womit die Verteidigung der lutherischen Konfession verbunden war.

Finens Verhalten ist umso bemerkenswerter, als ihm zweifellos das Schicksal zweier früherer Hofgeistlicher bekannt war, die sich im Jahr 1705 gegen die geplante Konversion der Enkelin Anton Ulrichs, Prinzessin Elisabeth Christine, zum Katholizismus ausgesprochen hatten. Der Hofprediger Johannes Niekamp und der Hofdiakon Albrecht Fiedler Knopff wurden aufgrund dieses öffentlichen Protestes vom Herzog ihrer Ämter enthoben. Finen musste befürchten, dass ihm Gleiches widerfahren würde, gleichwohl machte er seine Kritik öffentlich. Überraschenderweise sah Anton Ulrich von Sanktionen gegen Finen ab. Ganz im Gegenteil: Obwohl ihm sein Hofprediger den Rücktritt angeboten hatte, bat er Finen, im Amt zu bleiben.

Insgesamt sah sich der Hofprediger Eberhard Finen in vielen Punkten widerstreitenden Interessen ausgesetzt. Die Untersuchung der Fragen, welche dies waren, wie Finen sich in den jeweiligen Gemengelagen verhielt und welche Konsequenzen sein Handeln für ihn hatte, lassen, gezeigt an einem konkretem Beispiel, weiterführende Erkenntnisse über lutherische Hofprediger in der Frühen Neuzeit erwarten. Besonders zu prüfen sein wird dabei, inwieweit Finens Situation und sein Verhalten exemplarisch für Hofprediger zu Beginn des 18. Jahrhunderts war.