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Hofprediger Jablonski

Predigt des Hofpredigers Daniel Ernst Jablonski im Berliner Dom am 18. Januar 1701 anlässlich der Krönung Friedrichs I. zum König in Preußen


Quelle: Daniel Ernst Jablonski: Der himmlischen Herold-Stimme [...] höchsterfreulicher Wiederschall [...], Cölln 1701. (Signatur HAB: M: Gm 4° 170.)

Hintergrund

Um die Aufgabenfelder, die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des Einflusses von Hofpredigern in Brandenburg-Preußen einschätzen zu können, lohnt es sich, ein Beispiel herauszugreifen und genauer zu betrachten. Die im Folgenden beschriebene Quelle stammt aus dem Kontext einer Königskrönung. Ab 1701 war der Kurfürst von Brandenburg zugleich König in (nicht: von) Preußen – tatsächlich krönen ließ sich allerdings nur Friedrich III./ I., im Unterschied zu seinen königlichen Nachfolgern Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II., die auf ein solches Ritual verzichteten.

Hohe dynastisch-politische Ereignisse wie Huldigungen, Jubiläen, monarchische Hochzeiten, Beerdigungen oder eben Krönungen fanden nicht nur in Brandenburg-Preußen in Begleitung offizieller Gottesdienste statt, bei denen Hofprediger zentrale Rollen einnahmen. Und so wurde Kurfürst Friedrich III. am 18. Januar 1701 in Königsberg auch unter Beteiligung seiner Hofprediger zum König in Preußen erhoben.


Weiterführende Literatur

Die Königskrönung stand im Zusammenhang mit mehreren anderen Rangerhöhungen in Europa (Kurhannover, Sachsen-Polen u.a.) und war ein prestigeträchtiges Unternehmen. Wie der schwedische König Karl XII. wenige Jahre vor ihm setzte sich der Preußenkönig die Krone selbst aufs Haupt; die Salbung nahmen der reformierte Berliner Hofprediger Benjamin Ursinus (von Bär, 1646-1720) sowie der Königsberger Theologe und lutherische Oberhofprediger Bernhard von Sanden d.Ä. (1636-1703) vor. Beide waren kurz zuvor zu Bischöfen ernannt worden. Mit der Salbung durch Bischöfe wurde kirchenrechtlich und politisch gewährleistet, dass die Königswürde auch international anerkannt wurde. Besondere Amtspflichten waren an den Bischofstitel nicht gekoppelt, geschweige denn die Einführung einer Bischofsverfassung im reformiert-lutherischen Brandenburg-Preußen.

Wer ein echtes Bischofssystem in der Nachfolge der Apostel und in Anlehnung an die anglikanische Kirche befürwortete und sich dafür kirchenpolitisch engagierte, war allerdings der Berliner Hofprediger Daniel Ernst Jablonski, ein Kollege von Ursinus. Jablonski war der Nachkomme mehrerer sogenannter Senioren, d. h. Kirchenoberer, der Böhmischen Brüderunität, einer aus dem Hussitentum entstandenen und inzwischen in Polen beheimateten evangelischen Kirche. Diese Glaubensgemeinschaft reklamierte für sich, mit dem Amt der Senioren als einzige protestantische Kirche des Kontinents über Bischöfe zu verfügen, die sich in lückenloser Reihe auf die Apostel Jesu zurückführen ließen. Tatsächlich war etwa Jablonskis Urgroßvater in der Funktion eines Seniors der Brüderunität bereits an der Krönung des böhmischen "Winterkönigs" Friedrich von der Pfalz beteiligt gewesen. Der Hofprediger Jablonski selbst war 1699 zum Senior der Brüderunität geweiht worden und hatte sich Hoffnungen darauf gemacht, die Krönung und Salbung seines Königs vornehmen und als apostolisch legitimierter Bischof den Grundstein für die Einführung eines Episkopalsystems in Brandenburg-Preußen legen zu können. Jablonski, der noch dazu seine eigene Hofpredigerkarriere in Königsberg begonnen hatte, wurde allerdings – vermutlich bewusst – übergangen: nicht zuletzt, weil man am Berliner Hof bei einer Einführung echter Bischöfe eine Beschneidung des landesherrlichen Kirchenregiments befürchtete. Das bedeutete, dass der Hofprediger am Tag der Königsberger Krönung in Berlin die Stellung halten musste und im Dom eine Krönungspredigt hielt, während die eigentliche Feier mehrere hundert Meilen weiter östlich stattfand. Diese Umstände muss man einbeziehen, wenn man die Predigt genauer liest. Jablonskis Krönungspredigt lässt sich gut auf Herrschaftsvorstellungen und Möglichkeiten von Herrscherkritik durch reformierte brandenburgische Hofgeistliche untersuchen.

Die Krönungspredigt

Vor Hofangehörigen und seiner Berliner Gemeinde predigte Jablonski am 18. Januar 1701 über einen ihm vorgegebenen Bibelspruch: Psalm 89, Vers 21 und 22. Der Hofprediger galt unter Zeitgenossen nicht nur als großer Gelehrter, dessen Interessen weit über die Theologie hinausreichten, sondern auch als begnadeter Prediger. Das wird schon beim Blick auf die analytische Herangehensweise, die Struktur der Predigt und die Verwendung anschaulicher Beispiele deutlich. Daraus lässt sich auch schließen, dass Jablonski zunächst anhand einer klaren, fein ziselierten, leicht memorierbaren Gliederung frei gesprochen und den Text später für den Druck ausformuliert hat. Wie ein Chirurg sezierte er den vorgegebenen Bibelspruch:

"Ich habe gefunden meinen Knecht David; ich habe ihn gesalbt mit meinem heiligen Öl.
Meine Hand soll ihn erhalten und mein Arm soll ihn stärken."

Die Stelle ließ sich entweder historisch (auf David und analog auf König Friedrich) auslegen oder, wie dies andernorts die Pietisten taten, allegorisch auf Jesus Christus übertragen. Jablonski entschied sich für die erste Variante. Er stellte Friedrich zunächst als besonders glaubenstreuen Fürsten dar, der sich die Ehre einer Königskrönung gleichsam als göttliche Gegenleistung für seine Frömmigkeit redlich verdient habe. Dazu wünschten die im Gottesdienst anwesenden brandenburgischen "Mit-Untertanen" – d.h. diejenigen, welche nicht mit nach Königsberg in Preußen fahren durften – Glück; man mag hier bereits leise Enttäuschung heraushören, dass die Berliner (und der Hofprediger selbst) bei der preußischen Krönung hintanstehen mussten.

Warum man überhaupt königliche Herrschaft und Ordnung im Staatswesen brauchte, begründete der Hofprediger nicht rein biblisch, sondern im Sinn der Frühaufklärung eher naturrechtlich. Die Keimzelle der Herrschaft über Untertanen lag demnach nicht im Christentum, sondern in der Familie. Mit Blick auf den Staat habe Gott die Menschen zu Vernunftwesen geschaffen, die sich für einen (von Gott einzusetzenden) Herrscher entschieden hätten. Dessen Haupttugenden sollten – im Einklang mit älteren Vorstellungen aus dem Bereich der Politica Christiana – Frömmigkeit ("Gottseligkeit" bzw. Gottesfurcht) und Sanftmut gegenüber den Untertanen sein. Könige seien allerdings nun einmal nicht zwangsläufig gottesfürchtige, gute Menschen: Ein schlechter König könne von Gott auch zur Strafe eines Volkes ausersehen worden sein.

Der Hofprediger nahm auch Bezug auf das Zeremoniell der Königsberger Krönung, das im Vorfeld für einige Diskussionen in Hofkreisen gesorgt hatte. Insbesondere die Frage, ob eine Salbung überhaupt nötig sei, und die Tatsache, dass für diesen Vorgang zwei Geistliche ohne besondere bischöfliche Weihen einfach zu Titularbischöfen ernannt worden waren, hatte nicht nur Zuspruch gefunden. Jablonskis Meinung nach wurde durch die göttliche Salbung eines Königs sowohl das Amt als auch die Privatperson des Königs geweiht – hier hört man die mittelalterliche Unterscheidung der zwei Körper eines Königs durch, aber auch, dass nach Meinung des Hofpredigers die Salbung eben durch Gott geschah und dass die beiden Titularbischöfe wie Ursinus und Sanden allenfalls Gottes ausführende Organe waren und nicht mehr.

Könige waren laut Jablonski aufgrund ihrer Position immer ganz besonderen Gefahren ausgesetzt: äußeren Feinden, schlechten Einflüssen durch Ratgeber, aber auch irdischer Eitelkeit, die einen Monarchen "truncken" von seiner eigenen Größe machen könne. Wer dies wollte, der konnte hier nicht nur allgemeine Mahnungen heraushören, sondern auch eine ganz reale Kritik an Friedrichs prunkvoller Hofhaltung, an überflüssigem Zeremoniell oder an der Günstlingswirtschaft am Hof, die kurz zuvor im Sturz des Beraters Eberhard von Danckelmann gegipfelt hatte. Gott setze Könige ein, aber auch wieder ab, so der Hofprediger in Anlehnung an eine Stelle aus dem biblischen Buch Daniel; der Herr sorge für Auf-, aber auch für Abstiege. Als Beispiel für einen solchen Abstieg nannte Jablonski ausgerechnet Brandenburgs Konkurrenten Sachsen, das sich seit dem Mittelalter in viele kleine Herrschaften zersplittert habe (er ließ unerwähnt, dass Kursachsen sich gerade in Personalunion mit dem Königreich Polen verbunden hatte und damit einen enormen Prestigegewinn verzeichnen konnte). An fürstlichen Aufstiegen führte er eine Liste verschiedener, recht lange zurückliegender Standeserhöhungen an, die er in der Predigt allerdings chronologisch mit der Überführung Irlands in ein Königreich im Jahr 1541 enden ließ – von Brandenburgs aktuellen Konkurrenten Sachsen, Hannover oder anderen näher liegenden Beispielen, die durch Standeserhöhungen zu den größten Widersachern des Hohenzollernstaats geworden waren, keine Spur.

Aufschlussreich ist also, welche historischen Beispiele der Hofprediger wegließ, aber auch, was er auswählte und wie er dies gewichtete. Dies wird deutlich anhand der Einbettung der Krönung Friedrichs in die Geschichte der hohenzollerschen Dynastie; die Krönung musste hier zwangsläufig als Höhepunkt erscheinen. Jablonski baute in seine Predigt eine Genealogie der brandenburgischen Kurfürsten seit der Belehnung der Hohenzollern mit der Kurmark im Jahr 1417 ein. Diese wies nun ausgerechnet elf Vorgänger Friedrichs aus, was, wenn man Friedrich mitzählte, auf die zwölf Apostel anspielte – ein Motiv, das in anderen Krönungspredigten noch expliziter herausgestrichen wurde. Zunächst lobte er der Reihe nach die Verdienste jedes einzelnen brandenburgischen Hohenzollernkurfürsten in hymnischer Weise; gerade der "Große Kurfürst" Friedrich Wilhelm I. (1640-1688), der Vater des neuen Königs, wurde besonders überschwänglich porträtiert. Dann aber musste der Hofprediger, um auf die Zwölfzahl zu kommen, einen gewichtigen Kompromiss eingehen. Auf Friedrich Wilhelm folgte hier nicht etwa Kurfürst Friedrich III., sondern dessen älterer Bruder, Kurprinz Karl Emil (1655-1674), der eigentlich für die Thronfolge ausersehen, tatsächlich aber in jungen Jahren an der Ruhr verstorben war. Nur durch Einbeziehung Karl Emils erreichte Jablonski die Zahl von zwölf Kurfürsten, aber "des unvergleichlichen Vaters [Friedrich Wilhelm] ganz gleicher Sohn [Karl Emil]" ließ dessen überlebenden Bruder und jetzigen König ausgesprochen blass erscheinen. Die Krönung wurde so gleichsam zu einem Produkt dynastischer Zufälle – oder göttlicher Vorsehung.

Die Predigt schließt mit der Mahnung an den König, gottselig, gerecht und maßvoll zu regieren: im Bewusstsein, dass auch über den gekrönten Häuptern noch eine höhere Instanz steht, nämlich Gott; den Untertanen gab der Hofprediger auf den Weg, ihrem König – nach Gott – die größte Ehrerbietung zu erweisen und für ihn zu beten.

Auch wenn diese Predigt ähnlich wie andere solcher Schriften auf den ersten Blick von Harmonie und Ordnung im Staatswesen geprägt ist: Jablonskis Text zeigt anschaulich, welchen politischen Sprengstoff die preußische Königskrönung in sich barg, aber auch, welche Möglichkeiten ein brandenburgischer Hofprediger besaß, seine persönlichen, religiösen, gelehrten und politischen Ansichten in eine Predigt einfließen zu lassen. Um dies zu entschlüsseln, müssen die Zeitumstände der Predigt, aber auch das biographisch-soziale Umfeld des Predigers so weit wie möglich in die Analyse einbezogen werden. Dass angesichts der engen Abhängigkeit zwischen Hofprediger und Monarch nicht mit deutlicher Kritik Jablonskis an seinem König zu rechnen ist – schon gar nicht in einer Krönungspredigt –, kann kaum überraschen. Dass aber auch Krönungspredigten zwischen den Zeilen recht konkret werden konnten, macht das Beispiel deutlich. Es zeigt die vielfältigen Verflechtungen eines reformierten Hofpredigers zwischen Kirche, Hof und Monarchie, es illustriert die unterschiedlichen Rücksichtnahmen gegenüber den Konfessionen des Landes und gegenüber der politischen Situation, aber auch das Spiel mit verschiedenen zeitgenössischen Öffentlichkeiten: Von der Kirchengemeinde über Hof und Staatsverwaltung bis zum Publikum, das am Ende die gedruckte Predigt las.