© - |


Der reformierte Hof in Berlin

Hof und Hofprediger in Brandenburg-Preußen seit 1613

Alexander Schunka, Erfurt/Gotha

Herrscherhaus und Konfession

Zu Weihnachten 1613 trat der brandenburgische Kurfürst Johann Sigismund im Berliner Dom vom lutherischen zum reformierten Bekenntnis über. Dieser Glaubenswechsel ordnet sich ein in eine Reihe ähnlicher Konversionen im Reich am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges, aber eine Besonderheit ist, dass es in Kurbrandenburg nicht zu einer energischen, obrigkeitlich gesteuerten Durchsetzung des neuen Bekenntnisses bei den lutherischen Untertanen kam. Die Hoffnung, die reformierte Konfession über das Land zu verbreiten, existierte allerdings durchaus: Zwar bestand von Anfang an für den Kurfürsten und seine reformierten Eliten kaum eine andere Chance, als sich mit den Lutheranern im Land politisch und wirtschaftlich zu arrangieren. Aber wo immer es ihm möglich war, bevorzugte der Monarch in Ämtern und an wichtigen Schaltstellen Angehörige des reformierten Bekenntnisses. Das führte dazu, dass Hof- und Staatseliten immer stärker aus dem reformierten Lager rekrutiert wurden und über eine überwältigende Mehrheit lutherischer (in einigen Gegenden auch katholischer) Untertanen herrschten. Daraus folgten oft nicht unbedingt ein tolerantes Miteinander, sondern eher Konkurrenz und Konfessionskonflikt.

In der Forschung ist umstritten, inwieweit man die Konversion Johann Sigismunds und ihre Folgen als einen Bruch interpretieren oder in die Kontinuitätslinie einer Vollendung der Reformation einordnen soll, wie das die reformierten Zeitgenossen getan haben. Legitimiert wurde der Übertritt damit, Reste des Römischen Katholizismus aus der Reformationskirche zu verbannen. Dabei scheinen die persönliche religiöse Überzeugung, aber auch außenpolitische Erwägungen des Kurfürsten eine Rolle gespielt zu haben. Die brandenburgischen Hohenzollern herrschten über einen Länderverband, der vom Rhein bis an die Kurische Nehrung reichte und in seinen sozialen, wirtschaftlichen, rechtlich-administrativen und konfessionellen Strukturen kaum heterogener sein konnte. Dies zog außen- ebenso wie innenpolitische Rücksichtnahmen nach sich. Auch die groß angelegten, mehr oder weniger zentral gelenkten Wiederaufbaumaßnahmen und Ansiedlungen nach dem Dreißigjährigen Krieg schufen keineswegs ein einheitliches brandenburgisch-preußisches Staatswesen, sondern änderten an den regionalen Unterschieden wenig. An eine umfassende Calvinisierung dieses Länderverbunds war daher nicht zu denken. Die reformierte Konfession war und blieb in Brandenburg vor allem das Bekenntnis einer elitären Minderheit. Da das Land und insbesondere die einflussreichen Landstände lutherisch waren, musste aber letztlich ein bikonfessioneller Modus vivendi gefunden werden, an dem insbesondere die politische Führung interessiert war.

Kirchenorganisation und Hofpredigeramt

Im Unterschied zum Idealtyp calvinistischer Kirchenorganisation behielt sich der brandenburgische Kurfürst selbst das landesherrliche Kirchenregiment vor – zur Durchsetzung von reformierten Presbyterien kam es nicht. Das lutherische Konsistorium ging nach dem Übertritt 1613 in eine kurfürstliche Zentralbehörde über und übernahm die Aufgaben des nicht mehr existierenden Amts eines Generalsuperintendenten. Zunächst fehlte es an theologischem Personal reformierten Bekenntnisses – später, unter dem "Großen Kurfürsten" Friedrich Wilhelm I., teilten sich die Aufgaben im Konsistorium ein reformierter Hofprediger, ein Lutheraner sowie zwei gelehrte Räte. Seit 1665 war ein Hofprediger Konsistorialpräsident, was schon auf die Bedeutung des reformierten Hofpredigeramts hindeutet und entsprechend bei Lutheranern für Missfallen sorgen konnte – nicht zuletzt, wenn zu den Aufgaben der Hofprediger die Überprüfung lutherischer Pfarrkandidaten gehörte.

Gegen Ende der Regierungszeit des Großen Kurfürsten gab es im Staatswesen der Hohenzollern an mindestens zwanzig Orten reformierte Hofprediger – in einer Stadt wie Berlin waren es teilweise bis zu fünf gleichzeitig. Nach der Gründung der Berliner Hugenottenkolonie wurden auch französische Hofprediger installiert, und selbst der lutherische Königsberger Theologe Bernhard von Sanden d. Ä. trug den Titel eines "Oberhofpredigers". Sogar in London wurde im Jahr 1706 ein relativ unbedeutender reformierter Geistlicher preußischer Abstammung zum Hofprediger ernannt. Reformierte Hofprediger verteilten sich also über den gesamten Einflussbereich der Hohenzollern, und die Aufgaben und Befugnisse, die sich aus ihrem Titel ergaben, waren durchaus unterschiedlich. Das reichte von der Politikberatung in Berlin bis zum Ehrenamt in London. Gegenüber der lutherischen Mehrheit im Land sollten Hofprediger der konfessionellen Verständigung dienen, aber sie sollten ganz offensichtlich auch das Reformiertentum stärken, gerade an Orten, wo der Hof faktisch schon lange nicht mehr (oder noch nie) gewesen war. Das Hofpredigersystem lässt sich daher als Versuch einer schleichenden reformierten Durchdringung, wenn nicht Konfessionalisierung, Brandenburg-Preußens begreifen.

Das Amt des Hofpredigers war nicht nur mit kirchlichen und konfessionspolitischen Aufgaben verbunden, es bedeutete auch enormes Prestige. Am bedeutsamsten waren in dieser Hinsicht die Hofprediger in Berlin, wo sie schon faktisch die größte Nähe zum Herrscherhaus besaßen. Daniel Ernst Jablonski (1660-1741) etwa stieg in Berlin zum ersten von fünf deutschen Hofpredigern auf, was sich in seinen Einkünften und diversen Zulagen niederschlug, aber etwa auch in seinem Lebensstil und einer in Umfang wie Inhalt bemerkenswerten Bibliothek. Der Hofprediger Jablonski war verantwortlich für die geistliche Betreuung der Herrscherfamilie, er predigte im Berliner Dom, saß im lutherischen Konsistorium, war Mitglied im Kirchendirektorium, beteiligte sich an der Kandidatenauswahl für Pfarrstellen, an der Schulaufsicht, der Zensur, am Visitationswesen und an diversen weiteren Aufgaben. Fünfzig Jahre lang und unter drei Monarchen (Friedrich III./I., Friedrich Wilhelm I., Friedrich II.) stand Jablonski in seinem Amt. Einer seiner Söhne schlug diese Laufbahn ein, was auf die gleichsam dynastischen Verflechtungen unter brandenburgischen Hofpredigern hindeutet, die sich verschiedentlich auch in den Heiratskreisen von Hofpredigerfamilien widerspiegelten.

Die theologische Bandbreite unter den Hofpredigern reichte von dezidierten Irenikern, d.h. Unterstützern von Frieden und Ausgleich zwischen den Bekenntnissen (Johann Bergius, 1587-1658; Daniel Ernst Jablonski) bis zu konservativen Calvinisten Bartholomäus Stosch, 1604-1686). Gemeinsam war ihnen in der Regel und im Einklang mit ihren Monarchen der Einsatz gegen die lutherische Konkordienformel und gegen römisch-katholische Einflüsse. Aber auch gegen eine strikte Auslegung der calvinistischen Prädestinationslehre, wie sie in den Niederlanden auf der Synode von Dordrecht festgeschrieben worden war, wandten sich viele Hofgeistliche.

Die vorherrschende Strömung am brandenburgischen Hof war über viele Jahrzehnte ein reformierter "Universalismus", der in begrenztem Rahmen Dialogmöglichkeiten mit Lutheranern vorsah – auch wenn viele lutherische Geistliche dies als Versuch der Reformierten werteten, das Luthertum zu marginalisieren. Vor diesem Hintergrund sind vor allem unter Friedrich III./I. die Aufträge des Monarchen an seine Hofprediger Jablonski und Ursinus zu sehen, Möglichkeiten für eine Vereinigung der protestantischen Bekenntnisse in Brandenburg-Preußen (in Dogmen, Liturgie und Kirchenverfassung) auszuloten. All diese Versuche scheiterten aber letztlich: an politischen Erwägungen der Monarchie ebenso wie am Widerstand lutherischer, aber auch mancher reformierter Geistlicher.

Die brandenburgischen Hofprediger waren oft eng in die Politik ihrer Herrscher einbezogen. Das betraf die Abfassung zentraler konfessionspolitischer Denkschriften wie die sogenannte Confessio Sigismundi, die Toleranzedikte unter Kurfürst Friedrich Wilhelm I., aber auch Einflussnahmen auf politische Testamente. Der Hofprediger Bergius war maßgeblich am Leipziger Kolloquium von 1631 beteiligt, ebenso wie an anderen konfessionspolitischen Beratungen seiner Zeit. Hinzu kamen Aufträge im Bereich konfessioneller Außenpolitik: Karl Konrad Achenbach (1656-1720) beteiligte sich im frühen 18. Jahrhundert beispielsweise an der Politik Brandenburg-Preußens zugunsten der Reformierten in der Pfalz oder in Ungarn, und der schon erwähnte Daniel Ernst Jablonski diente aufgrund seiner besonderen Biographie als Fachmann für Polen ebenso wie als Kontaktperson nach Großbritannien.

Viele Hofprediger engagierten sich zudem als theologische Schriftsteller. Das reichte vom Druck einzelner Predigten über die Autorschaft von Erbauungsliteratur bis zu Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche oder ins Lateinische. Insofern taten sich Hofgeistliche häufig über den engeren theologisch-kirchenpolitischen Bereich auch als kulturelle Vermittler hervor. Die Tätigkeit der brandenburgisch-preußischen Hofprediger war mithin keineswegs auf den Hof beschränkt.