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Politikberatung in der Frühen Neuzeit: Einführung


Wenngleich der Begriff "Politikberatung" in der Frühen Neuzeit noch nicht existierte, waren die Obrigkeiten gleichwohl auf Expertenrat angewiesen. Dieser stand in der Frühen Neuzeit in der Tradition der Ständelehre, die für Adel und Geistlichkeit das Recht zur "correctio principis" vorsah. Neben den ständischen Vorrechten auf Teilhabe an beratenden Hofämtern, trat seit dem 16. Jahrhundert eine neue Gruppe professionalisierter Berater und Verwaltungsfachleute in den Hofdienst ein. Sie entstammten zumeist bürgerlichen Schichten und hatten ihre Expertise durch ein Jura- oder Theologiestudium erhalten.
Die zunehmende Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Prozesse und ihre Verrechtlichung, aber auch die lange prägende Verzahnung von Politik und Religion, machte den wissenschaftlich fundierten Expertenrat von Juristen und Theologen für frühneuzeitliche Herrscher unverzichtbar.
Funktion und Aufgaben dieser obrigkeitlichen Berater weisen damit eine große Analogie zu jenem Tätigkeitsfeld auf, das wir heute "Politikberatung" nennen. Man versteht darunter "unterschiedliche Formen der Unterstützung und Absicherung politischer Entscheidungen und der hierfür politisch Beauftragten" (Politiklexikon). Wenngleich es in der Regel auf die wissenschaftliche Politikberatung bezogen ist, beschreibt es jedoch auch politische Beratung, die auf einem persönlichen Vertrauensverhältnis beruht. "Experten [...] verfolgen dabei das Ziel, ihre Adressaten, Fachbeamte und Politiker, über das Umfeld und die Auswirkungen politischer Entscheidungen zu informieren." (Kevenhörster 2003). Politikberatung dient zum einen der Information, indem durch Gutachten Informationsdefizite abgebaut werden sollen. Zum anderen dient sie der Legitimation, indem empirische Analysen politische Entscheidungen vorbereiten oder bereits vollzogene Handlungen fachlich begründen.


Weiterführende Literatur

Aus der Perspektive des frühneuzeitlichen "Beraters" waren seine Tätigkeit und deren Legitimation durchaus ambivalent, da sie auf dem Vertrauen und der Gunst der Obrigkeit basierten. Einerseits waren frühneuzeitliche Fürsten in immer größerem Maße auf die Expertise ihrer Berater angewiesen, um den immer komplexer werdenden Vorgängen in Verwaltung und gesellschaftlichen Differenzierungsprozessen politisch gestaltend gewachsen zu sein. Auf der anderen Seite musste die Funktion und der Einfluss der Berater nach außen deutlich auf die informativen Aspekte beschränkt bleiben, sollte das Bild des souverän regierenden und entscheidenden Fürsten nicht gefährdet werden. Erfolgreiche Beratung war also im Wesentlichen an die öffentliche Unsichtbarkeit geknüpft und nur dann Teil der herrscherlichen Selbstdarstellung, wenn sie dem Prestigegewinn diente: denn führende Experten für die Umsetzung der Politik am Hofe zu haben, trug entscheidend zur Ehre der Obrigkeit bei.

Um die Handlungsspielräume, Motivationen, Kommunikationsformen und Beziehungsgefüge an konkreten Beispielen zu untersuchen, müssen deshalb zunächst die theoretischen bzw. normativen Rahmenbedingungen von "Politikberatung in der Frühen Neuzeit" klar sein.
Da sich der Hof von der Stadt als Ort politischen Handelns deutlich in den Kommunikations- und Hierarchiestrukturen unterscheidet, sollen die jeweiligen Bedingungen anschließend herausgearbeitet werden.
Die Frage nach den Formen, in denen sich solche Beratungsleistungen vollzogen, erfordert nicht nur Kenntnisse über die sozialen Gruppen, aus denen die Akteure stammten - mitsamt ihren typischen Bildungshintergründen und Wegen -, sondern auch die medialen Möglichkeiten und Besonderheiten, in denen sie sich äußerten. Diese Aspekte werden im Folgenden im Zentrum stehen.