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Fight Club

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Fight Club - Paranoische Strukturen


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"Fight Club"

Ein Film von David Fincher, USA, 1999, 139 min. Mit Edward Norton, Brad Pitt, Helena Bonham Carter, Meat Loaf u.a.

Kurzbeschreibung des Films (Tim Schmidt)

Den Film Fight Club wiederzugeben ist ein prekäres Unterfangen, da die Konstruktion der Filmnarration selbst Inhalt des Films ist. Abhängig davon, von welchem Zeitpunkt die Narration erzählt wird, müssen verschiedene Geschichten refiguriert werden. Von der Eröffnungsszene aus beginnt der Erzähler, die Entstehungsgeschichte dieser Situation zu erzählen. In diese Geschichte gibt es zwei Einstiege.

Erster Einstieg: Zunächst beginnt der Erzähler mit einer Einstellung, in der Jack gegen monströse Brüste gepresst wird. Der Hauptdarsteller wird aus dem Filmbild gerissen wird und in eine andere Situation geworfen. Der Bruch der Erzählebenen wird nicht durch einen Schnitt markiert. Vielmehr gleitet der Film über diesen Bruch hinüber. Dieses könnte schon ein erster Hinweis auf die psychische Struktur des Filmes sein: Die Trennung der Realitätsebenen wird nicht sauber durchgehalten. Der Übergang der zwischen den Szenen wird durch ein Wort markiert: Bob. Jack befindet sich in einer Selbsthilfegruppe für Männer mit Hodenkrebs. Bob hat gigantische Brüste entwickelt, da ihm die Hoden abgenommen wurden und sein Hormonhaushalt aufgrund von Medikamenten durcheinander gekommen ist.

Zweiter Einstieg: Dieser erste Einstiegspunkt wird vom Erzähler verworfen und er setzt die Story früher an [„No wait. Let me start ealier“]. Jack scheint auf die Kommentierungen der Erzählstimme zu reagiert. Er schaut merkwürdig drein, so als höre er die Kommentare des Ich-Erzählers. Das Ticken eines Weckers, der in der nächsten Szene zu sehen ist, ist bereits in der aktuellen Szene zu hören. Bei einer Erzählung sind Überschneidungen von Zeitebenen zu erwarten. Die Bildlichkeit eines Filmes suggeriert dem Betrachter hingegen ein Moment der Wirklichkeit zu sehen, welches markiert: So ist es gewesen. Dieser Realitätseffekt wird durch diesen Filmschnitt des Filmes Fight Club gebrochen. Trotzdem stellt der Zuschauer die Vorstellung einer abgebildeten Realität her und blendet nicht passende Informationen aus. Der Zuschauer vergisst sehr schnell, dass er hier eine Narration des Erzählers sieht, die bereits in der Vergangenheit liegt.

Rekonstruieren wir die Konfiguration von Jack. Jack ist Angestellter eines Automobilkonzerns. Sein Job ist es zu entscheiden, ob ein Produktionsserie mit Sicherheitsmängeln zurückgerufen wird oder nicht. Er vergleicht die Kosten für eine Rückholaktion mit den möglichen Kosten wegen der Unfälle und entscheidet dann. Dieses zynische Verhalten inszeniert er – zum Beispiel gegenüber einer Zufallsbekanntschaft auf einem Flug - gerne. Auf den arbeitsbedingten Reisen füllt sich der Protagonist von sich selbst entfremdet. Überall ist das Leben portioniert. Er kann häufig die einzelnen Städte nicht von einander unterscheiden. Jack besitzt ein Appartement mit ausgewählten Möbeln. Er ist süchtig nach den neusten Prospekten für seine Einrichtung. Jack definiert sich als Persönlichkeit über seine Gegenstände. Dieses wird im Film eindrucksvoll in Szene gesetzt, indem in die Wohnung von Jack, die Preisschilder der Waren eingeblendet werden. Bei Jacks Einrichtungsgegenständen handelt es sich nicht um Massenware aus Katalogen. Diese müssen auch ein gewisses Maß an Individualität besitzen. Jack Geschirr weißt kleinen Blasen und Unperfektheiten aus, die dieses als individuell und einzigartig auszeichnet.

Jack leidet unter Schlaflosigkeit. In diesem Zustand der Umnachtung erscheint ihm die Welt trübe und leer. Sie wirkt auf ihn wie die Kopie einer Kopie einer Kopie. Er sucht einen Arzt auf, damit dieser ihm Schlaftabletten verschreibt und ihn von seinem Leiden befreit. Dieser weigert sich und sagt, dass Jack einen gesunden, natürlichen Schlaf braucht. Der Arzt rät ihm, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, damit er sehen könne, was wirkliches Leiden sei. Jack folgt dem Rat und besucht eine Selbsthilfegruppe Patienten mit Hodenkrebs. Der Film wiederholt die Szene mit Bob an, die bereits eingeführt und dann wieder verworfen wurde. Wir haben die erste Zeitschleife des Filmes durchlaufen.

Jack stellt bei seinem Treffen in der Selbsthilfegruppe fest, dass er in den Armen von Menschen, denen es wirklich dreckig geht, weinen kann und seinen Frieden findet. Nach diesen Treffen kann er schlafen wie ein Baby. Er besucht daraufhin jeden Abend eine andere Selbsthilfegruppe und wird nach dieser Form des Elendstourismus süchtig. Eines Tages taucht eine Simulantin, Marla Singer, in verschiedenen Selbsthilfegruppen auf, die wie Jack lediglich körperliches Leiden vortäuscht. In ihrer Anwesenheit kann Jack nicht weinen und der beruhigende Effekt der Treffen bleibt aus. In ihrer Lüge spiegelt sich seine Lügen wieder [her lies reflected my lies]. Daraufhin leidet er wieder an Schlaflosigkeit. Jack stellt Marla zur Rede und droht ihr, sie zu enttarnen. Aber sie will sich nicht von dem Besuchern der Selbsthilfegruppen abbringen lassen und droht ebenfalls, ihn zu enttarnen. Die beiden verabreden, die Wochentage untereinander aufzuteilen, sodass sie sich nicht mehr treffen müssen.

Im Flugzeug trifft Jack den charismatischen Seifenhersteller Tyler Durden. Nach einer kurzen und sehr merkwürdigen Unterhaltung gibt Tyler ihm seine Visitenkarte. Als Jack nach dem Flug in seine Wohnung zurückkehren will, muss er feststellen, dass diese explodiert ist. Eine Hypothese über die Entstehung der Explosion wird in einer eindrucksvollen Sequenz gezeigt, die, wie die Szene zu Anfang, ohne Schnitt auskommt. Von Jacks Wohnung ist nichts mehr übrig geblieben. Teile seiner Einrichtung liegen zerstört auf dem Fußboden.

Jack ruft Tyler an und verabredet sich mit ihm auf ein Bier. In der Bar erklärt Tyler ihm bei diesem Treffen seine Lebensphilosophie: Alles was einem gehört fängt irgendwann an, den Besitzer zu besitzen. Die Lebensauffassung von Tyler scheint Jacks Ansichten diametral entgegen zu stehen. Nachdem die beiden die Bar verlassen haben, fordert Tyler Jack auf, ihn so hart er nur kann zu schlagen. Nach anfänglichen Zügen kommt Jack der Bitte nach. Es entwickelt sich ein Faustkampf zwischen den beiden. Jack folgt Tyler in dessen Haus. Dieses ist eine heruntergekommene Bruchbude in einer entlegenen Gegend der Stadt. Das Haus ist von Wasser durchflutet und scheint sich zu bewegen. Dieses Heim wirkt wirklich unheimlich. Es finden sich immer mehr Personen ein, die an den Faustkämpfen teilnehmen wollen. Die Kämpfe scheinen einem gesellschaftlichen Bedürfnis zu entsprechen, welches Tyler und Jack lediglich sichtbar gemacht haben. Es entwickelt sich eine Untergrundszene, der Fight Club. Tyler und Jack stellen die Regeln für die Kämpfe gemeinsam auf. Die erste und zweite Regel ist, dass man nicht über den Fight Club reden darf. Tyler und Jack denken sich kleine Hausaufgaben aus, die die Teilnehmer am Fight Club erledigen soll. Als eine solche Aufgabe bedroht Tyler den Verkäufer Raymund mit einer Waffe und zwingt ihn, ihm sein Begehren zu gestehen.

Jack, der inzwischen in Tyler Durdens Haus wohnt, erhält einen Anruf von Marla. Sie erzählt ihm, dass sie gerade eine Überdosis Schlaftabletten genommen habe. Er könne am Telefon zuhören, wie sie sterbe. Jack ist bereit, den Tod von Marla zu tolerieren und legt den Telefonhörer gelangweilt neben das Telefon. Am nächsten Morgen ist Tylers Tür, entgegen dessen sonstiger Gewohnheit, geschlossen. Was in der Nacht geschah, wird von Tyler am nächsten Morgen erzählt: Er habe zufällig den nicht aufgelegten Hörer gefunden und daraufhin Marla besucht. Die beiden seien dann in Tylers Wohnung gegangen und haben eine wilde Nacht miteinander verbracht. In dem Gespräch zwischen verlangt Tyler, dass Jack ihm verspricht, nicht mit Marla über Tyler zu reden oder ihn zu erwähnen. Jack schwört dieses dreimal.

Aufgrund der nächtlichen Kämpfe verwahrlost Jack zunehmend. Seine Kleidung ist von Blut verschmiert. Es kümmert ihn nicht, dieses seinen Arbeitskollegen und seinem Chef gegenüber zu zeigen. Versehentlich lässt er das Original mit den Anweisungen für den Fight Clubs auf dem Kopierer liegen. Sein Chef findet es und spricht ihn darauf an. Jack betont, dass eine Person, die dieses schreiben würde, sehr gefährlich sei. Sie könne Amok laufen und seine Kollegen und Vorgesetzten töten. Jack betont in dieser Szene, dass Tylers Worte aus seinem Mund kämen. In einem Gespräch zwischen Tyler und Jack unterhalten sich die beiden darüber, gegen wenn sie am liebsten Kämpfen würden. Jack möchte gegen seinen Chef kämpfen, Tyler gegen seinen Vater. Der Kampf mit seinem Boss wird im Film, wenn auch auf unerwartete Weise, gezeigt. Es kommt zu einem Gespräch zwischen seinem Chef und ihm. Zunächst versucht Jack, seinem Chef zu erpressen. Er würde die unrechtmäßigen Praktiken seiner Firma aufdecken und fordert Zahlungen für sein Schweigen. Sein Chef lässt sich davon nicht beeindrucken und feuert ihn. Jack beginnt daraufhin, sich selbst zu schlagen. Als zwei Polizeien das Zimmer betreten, sehen sie Jack blutüberströmt vor seinem Chef knien und um Gnade flehen. Als Reaktion bekommt Jack ein Gehalt ohne Gegenleistung, so dass er sich jetzt den ganzen Tag der Organisation des Fight Clubs widmen kann.

Tyler entwickelt eigenständig das Projekt „Mayham“ [Chaos]. Er bildet Rekruten für eine paramilitärische Organisation aus. Die Teilnehmer an dem Projekt werden einer demütigenden Aufnahmeprüfung unterzogen, müssen sich die Haare kurz scheren und dürfen keinen Namen tragen. Mit der Aufnahme in das Projekt Mayham geben sie ihre Individualität auf. Jack ist von diesem Projekt ausgeschlossen. Die Aktionen der Gruppe Mayham werden zunehmend gefährlicher. Sie setzen ein Haus in Brand und bedrohen den Bürgermeister.

Bei einem Kampf im Fight Club rastet Jack aus und zerschlägt seinem Gegner das Gesicht, obwohl dieser bereits am Boden liegt. Jack gibt als Begründung an, dass er etwas Schönes zerstören wollte. Dieser Kampf lässt sich in eine Reihe von Versuchen einordnen, gegen Autoritätspersonen anzugehen. Nach einem selbstverschuldeten Verkehrsunfall verlässt Tyler seine Wohnung. Jack findet die Flugtickets und fliegt von Stadt zu Stadt. Er hat in den Städten den Eindruck, bereits dort gewesen zu sein. Dann kommt es zur entscheidenden Wendung im Film. In einer Kneipe trifft Jack auf ein Mitglied des Fight Clubs, der der bis dahin namenlosen Person seinen Namen verträt. Jack ist Tyler Durden. Er ruft Marla Singer aus seinem Hotelzimmer an und fragt, ob er Sex mit ihr gehabt habe. Durch dieses Telefonat hat er sein Versprechen gebrochen. Er hat entgegen der Abmachung mit Tyler mit Marla über Tyler gesprochen. Nun klärt sich auch, warum Tyler diese Versprechen von ihm verlangt hat. Durch dieses Gespräch wird klar, dass er Tyler ist. Als Jack am nächsten Morgen aufwacht, muss er feststellen, dass Tyler in der Nacht von seinem Hotelzimmer telefoniert hat. Jack fliegt zurück nach Detroit, um Marla zu warnen und sich dann der Polizei zu stellen. Ironischerweise sind die Polizisten, an die er gerät, selbst Teil des Projekts Mayham. Jack kann sich befreien und versucht auf eigene Faust, die von ihm in verschiedenen Gebäuden deponierten Sprengsätze zu entschärfen. Tyler Durden versucht ihn, daran zu hindern. Es kommt zu einem Kampf zwischen den beiden. In diese Szene sind Sequenzen hineingeschnitten, in denen man Jack mit sich selbst kämpfen sieht.

Weitere Informationen zum Film: http://www.imdb.com/title/tt0137523/